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Crowdfunding & Buy to let

Politischen Rahmenbedingungen und Steuerungsmaßnahmen dieser alternativen Finanzierungsformen in Österreich, der Schweiz und Südtirol
Crowdfunding
Ulrike Reisner untersuchte politische Strategien und Maßnahmen in ausgewählten Alpenländern zur Steuerung bzw. Regelung von alternativen Finanzierungsmaßnahmen in der Tourismus- und Freizeitwirtschaft.

TTR: Was ist Crowdfunding und Buy-to-let und wo werden diese alternativen Finanzierungsformen eingesetzt?

Ulrike Reisner: Unter dem Begriff „Crowdfunding“ wird allgemein eine Finanzierungsform von Kampagnen über das Internet verstanden. Der Grundgedanke besteht darin, dass eine Vielzahl von Menschen Geld für kulturelle, soziale oder kommerzielle Projekte aufbringt. Die Kommunikation zwischen Investor und Kapitalnehmer erfolgt dabei über das Internet. Wie die Grafik zeigt, gliedert sich das Crowdfunding in verschiedene Teilbereiche, die im Rahmen der Studie allerdings nicht separat untersucht wurden.

Crowdfunding

Bild 1: Ausgestaltungen des Crowdfunding (IFZ Institut für Finanzdienstleistung Zug, 2017)

Die Ursprünge des „Buy-to-let“ liegen im angelsächsischen Raum. Das Modell unterscheidet sich von verschiedenen, so genannten „Time Sharing“ Modellen vor allem darin, dass der Investor das Eigentum an der Liegenschaft erwirbt: Hotelzimmer werden von einem Käufer erworben und können von diesem genutzt werden. Darüber hinaus besteht aber eine Überlassungs- bzw. Rückvermietungsverpflichtung, sodass diese Einheiten während der Abwesenheit des Eigentümers als normale Hotel-Logiseinheiten vermietet werden. Durch diese Rückvermietung wird der Eigentümer anteilig am Logisumsatz beteiligt.

TTR: Wieso stellen Cowdinvesting und Buy-to-let auch für den Tourismus interessante alternative Finanzierungsmöglichkeiten dar?

Ulrike Reisner: Vor dem Hintergrund von Finanz- und Wirtschaftskrise und einem damit verbundenen Wettbewerbsdruck auf Klein- und Kleinstbetriebe in der alpinen Tourismuswirtschaft richtet sich das Augenmerk der tourismuspolitischen Steuerung zunehmend auf eine Stärkung des Eigenkapitalsockels. Crowdfunding stellt hier eine noch recht junge Form der Kapitalbeschaffung dar, die es vor allem Start-ups und Kleinunternehmen erleichtern soll, ihre Betriebe wettbewerbsfähig zu machen (oder zu halten) bzw. neue Projekte umzusetzen. Buy-to-let Modelle werden als alternative Finanzierungsform vor allem für Neubauten und Erweiterungen herangezogen.

TTR: Wie sieht die rechtliche Lage für diese neuen Finanzierungsformen in den untersuchten Alpenländern aus?

Ulrike Reisner: In Österreich traten am 1. September 2015 das AltFG (Bundesgesetz über alternative Finanzierungsformen (Alternativfinanzierungsgesetz)) und die entsprechende Verordnung in Kraft. In Südtirol wurden Anfang 2016 rechtliche Einschränkungen dergestalt gelockert, dass nicht nur Start ups sondern auch innovative Klein- und Mittelbetriebe auf das Finanzierungsinstrument des „equity-based crowdfunding“ zurückgreifen können, sofern sie bestimmte Kriterien erfüllen. In beiden Fällen gab diese Änderung des institutionellen Rahmens den Ausschlag für die Gründung von Crowdfunding-Plattformen durch Stakeholder-Gruppen. Auch in der Schweiz wurde dieses Thema beim Tourismus Forum Schweiz Ende 2015 diskutiert und in Folge durch das Staatssekretariat für Wirtschaft dokumentiert.

Für die alternative Finanzierungsform Buy-to-let besteht hingegen in Österreich kein einheitlicher Rechtsrahmen: Da es sich um eine „Querschnittsmaterie“ handelt, spielen steuerrechtliche oder mietrechtliche Fragen ebenso eine Rolle, wie Grundverkehr oder Raumordnung, wobei diese beiden Rechtsmaterien in Österreich in die Kompetenz der Bundesländer fallen, was zu einer Zersplitterung des Rechtsrahmens führt. Zwar befasste sich das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft 2013/14 mit der touristischen Bedeutung von Zweitwohnsitzen. Fachleute berichten jedoch, dass es seither kaum einen signifikanten politischen Vorstoß gab, das Thema Buy-to-let (wieder) auf die Agenda zu setzen. Aktivitäten politischer Stakeholder betreffen in der Regel Einzelprojekte. In der Schweiz ist seit dem Inkrafttreten der so genannten Zweitwohnungsinitiative eine rückläufige Tendenz bei der Errichtung von (bis dahin von Investoren als rentabel betrachteten) Freizeitimmobilien mit der auf Grund der rechtlichen Rahmenbedingungen attraktiven Finanzierungsform Buy-to-let zu beobachten. Die nunmehr aufgetretene Finanzierungslücke von etwa einem Viertel der durchschnittlichen Investitionskosten bei touristischen Projekten belastet die Tourismuswirtschaft auf Grund des anhaltenden Preisdrucks sowie der überdurchschnittlich hohen Erstellungskosten.

TTR: Welche Erfolgsfaktoren und Herausforderungen haben sich für die Praxis herauskristallisiert?

  • Das kooperative Zusammenwirken von verschiedenen Stakeholdern in bewährten Netzwerkstrukturen erhöht die Chancen für eine erfolgreiche Umsetzung einer Crowdfunding-Plattform deutlich.
  • Während in Österreich das gemeinsame, rasche Vorgehen einiger zentraler Stakeholder ein Vorteil für die Umsetzung einer gemeinsamen Crowdfunding-Plattform gewesen sein dürfte, wird das Thema in der Schweiz mehr dem „freien Spiel der Marktkräfte“ überlassen – mit all den damit verbundenen Vor- und Nachteilen.
  • Die Rechtslage hat einen dominanten Einfluss auf die Etablierung alternativer Finanzierungsmaßnahmen. So hat das Inkrafttreten von einschlägigen Gesetzen in Österreich und Südtirol das Crowdfunding befördert. Hingegen wurde beim Thema Buy-to-let sowohl in der Schweiz als auch in Österreich deutlich, dass der derzeitige Rechtsrahmen und die damit verbundene restriktive Handhabung der Zweitwohnsitzfrage hinderlich wirken.
  • Vor allem bei der Motivation zur Gründung, aber auch bei der konkreten Umsetzung von Crowdfunding-Projekten spielen enge Netzwerk-Verflechtungen von Stakeholdern eine zentrale Rolle. Der kooperative Ansatz, mit der Etablierung des Crowdfunding gemeinsam einen Beitrag zur Lösung des Finanzierungsproblems von Tourismusprojekten leisten zu wollen, trug vor allem in Österreich maßgeblich zum Erfolg der Strategie und zur Erreichung des politischen Ziels bei.
  • Für alle untersuchten Länder kann der Befund ausgestellt werden, dass sich das Finanzierungsinstrument Crowdfunding gut für konstruktive Verhandlungen der Stakeholder im Tourismus eignet, weil mit seinem Einsatz gleich mehrfach Nutzen für die beteiligten Stakeholder produziert wird: Neben der Lösung des Finanzierungsproblems sind hier die hohen Image- und Werbeeffekte, die Gewinnung neuer Zielgruppen bzw. Bindung von Stammgästen oder die Multiplikatoreffekte in der Destination zu nennen.

Die auf Tourismus spezialisierte Crowdfunding-Plattform wurde auf Initiative der ÖHT in Kooperation mit WKO, ÖHV und Conda ins Leben gerufen.

Tourismusplattform Österreich

Der Südtiroler Wirtschaftsverband bietet lokalen Unternehmen Zugang zu einem alternativen Marketing- und Finanzierungsinstrument in Form des gegenleistungsbasierten (reward-based) Crowdfunding.

Open Innovation Südtirol

Die genannten Ergebnisse sind dem Forschungsbericht „Politische Strategien und Maßnahmen in Alpenländern zur Steuerung bzw. Regelung von alternativen Finanzierungsmaßnahmen in der Tourismus- und Freizeitwirtschaft am Beispiel von Crowdinvesting und Buy-to-let“ vom Juli 2017 entnommen. Das Forschungsprojekt im Rahmen des interfakultären Forschungszentrums Tourismus & Freizeit sollte die politischen Rahmenbedingungen und Steuerungsmaßnahmen im Hinblick auf alternative Finanzierungsformen in Österreich untersuchen und mit den Ländern Schweiz und Südtirol vergleichen. Das Projekt startete am 1. Juli 2016 und war auf eine Laufzeit von 12 Monaten angelegt.

Photo by rawpixel on Unsplash

 

 

Mag. Ulrike Reisner MA

Forschungsschwerpunkt
Tourismusökonomie & Tourismuspolitik
Position bzw. Aufgabe
Angewandte Tourismusforschung