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Almidylle und Tourismus? Ein Erfolgsbeispiel

Die "Schule der Alm" im Valsertal
Schule der Alm im Valsertal © Werner Kräutler / Schule der Alm
Die Wanderwege in den Tiroler Bergen führen nicht selten vorbei an Almen und Bergmähdern. Diese einzigartige Landschaft ist nicht nur für Wanderer etwas Besonderes, sondern für die Tiroler Landwirtschaft, das alpine Ökosystem und nicht zuletzt für die Bevölkerung und die Gäste selbst.

Gerade in der Corona-Krise wurde die Frage nach einsamen, abgelegene und naturnahen Urlaubs-Möglichkeiten umso präsenter. Doch traditionelles Almleben und Tourismus – geht das überhaupt? Authentizität, die Nähe zur Natur und nicht zuletzt Ursprünglichkeit zählen zu den unersetzbaren Eigenschaften der Almwirtschaft. Lässt sich das mit einem touristischen Produkt erfolgreich und vor allem langfristig vereinen? 

 

Die „Schule der Alm“ - Ein Erfolgsbeispiel

Dem bedeutenden Naturgut "Tiroler Alm" wurde schon eine Ausgabe des Tiroler Tourismusmagazins SAISON gewidmet. Zentrale Frage hier war auch: Wie passen die Alm und der Tourismus eigentlich zusammen? Wie diese Vermittlung von Almwirtschaft in ihrer ursprünglichen Form funktionieren kann, zeigt die „Schule der Alm“ im Valsertal. Obmann des dazugehörigen Vereins Werner Kräutler hat dem TTR alles rund um das Leben, Arbeiten und Urlauben auf der Alm erzählt. „Der Ursprung der Idee war relativ einfach. Ich bin vom Jakobsweg über den Brenner nach St. Jodok, eines der Bergsteigerdörfer, gekommen. Dort habe ich dann die „Roas mit der Goas“ entdeckt. Helga hat da begonnen ihre Familien-Alm wieder zu betreiben. Das fand ich für mich und meinen Blog spannend. Dann habe ich ihr gleich geschrieben und bin dann nächste Woche auf die Alm. Dort bin ich dann länger geblieben – es brauchte noch Holz für den Winter, das Heu musste noch in den Stall. Also bin ich dann länger geblieben“, so Werner über die Entdeckung der Alm. Helga, die Alm-Sennerin, bewirtschaftete die ganze Alm allein, inklusive Bewirtschaftung, Käserei und dem Hüten der 16 Ziegen. So hat sich da schon die erste Zusammenarbeit zwischen Helga, Werner und ein paar Freiwilligen entwickelt, bis schließlich klar war: so ganz alleine funktioniert das nicht. Es mussten also mehr Freiwillige her, die auf der Alm mit anpacken. Doch damit nicht genug: Das Leben auf der Alm ist schließlich auch für Gäste außerhalb des Valsertales spannend. Mit Kursen, einer Schule der Alm, wäre so die Suche nach HelferInnen leichter und die Alm hätte zusätzlich noch einen Nutzen für Gäste und das Tal. „Wir haben dann den Verein gegründet, die Statuten festgelegt und ein Team aus Freiwilligen – unseren AlmlehrerInnen – zusammengestellt. Dann folgte der erste „Beisswurm“, unser Alm-Magazin, das wir dann verschickt haben“, so Werner.

Almidylle? Zur Almwirtschaft gehört nicht nur Romantik, sondern auch harte Arbeit hinter den Kulissen.  © Schule der Alm/Werner Kräutler
Almidylle? Zur Almwirtschaft gehört nicht nur Romantik, sondern auch harte Arbeit hinter den Kulissen.  © Schule der Alm/Werner Kräutler

Die Rezeption auf die Kurse der Schule der Alm war groß. Die vier Kurse pro Almsaison mit je 10 Personen finden jedes Jahr im Juni, Juli, August und dann noch Ende September statt. In den Grundkursen werden handwerkliche Tätigkeiten vermittelt: Sensenmähen, Schrägzäune bauen, einen Wall für die Feldbewässerung errichten, mit den Ziegen wandern und deren Verhalten studieren, Bergmähder für die Heuernte pflegen oder Trockensteinmauern bauen. Auch in Corona-Zeiten nimmt diese Begeisterung nicht ab: die aktuellen Infos wie und wann die Grundkurse im Jahr 2020 ablaufen, findet ihr stets top-aktualisiert hier ganz unten in Werner's Blogartikel. In diesem Sommer werden sogar zwei Zusatzkurse angeboten, von 16.07.-18.07. 2020 und von 20.08 bis 22.08.2020 (An- und Abreise erfolgt je einen Tag vor Kursbeginn und Kursende).

„Wir wollen Almen und Bergmähder als kulturelles Erbe erhalten“, erklärt Werner die Vision der Schule der Alm.  Auf diese Initiative sind dann bald auch andere Akteure aufmerksam geworden. Das Alpen-Magazin „Bergwelten“ sowie Rundfunkanstalten wie RAI Bozen oder BR haben bereits über die „Schule der Alm“ berichtet – und damit nicht ohne Folgen. Die Kurse seien meistens schon Anfang des Jahres ausgebucht, so Werner Kräutler. Die Kurse bleiben trotzdem auf normalerweise 40 Personen im Jahr beschränkt, in Coronazeiten gibt es eventuell auf noch weniger Plätze. „Das Kursprogramm an sich haben wir aber weiterentwickelt. Wir haben mehr Lehrer und Lehrerinnen dazugenommen, wie zum Beispiel eine Kräuterfachfrau und einen Imker und unsere Gruppe ein bisschen aufgeteilt. Und wir haben das Ganze noch um einen Tag verlängert, damit die TeilnehmerInnen auch Zeit haben, eine Gruppendynamik zu entwickeln. Das funktioniert jetzt viel besser“, erzählt Werner. Damit haben sowohl die Alm als auch die TeilnehmerInnen mehr von dem Erlebnis. Doch unter all diesen Aspekten – fantastische LehrerInnen, einem gut organisierten Programm und der schönen Almlandschaft – versteckt sich noch etwas ganz Existenzielles, das die Alm für den Tourismus so spannend macht.

Stein für Stein werden die Bergmähder gepflegt und Trockensteinmauern errichtet. © Schule der Alm/Werner Kräutler
Stein für Stein werden die Bergmähder gepflegt und Trockensteinmauern errichtet. © Schule der Alm/Werner Kräutler

 

Sehnsucht Alm

In seiner Publikation „Über Almen zwischen Agrikultur & Trashkultur“ beschreibt Christoph Kirchengast die Alm als einen Ort der Sehnsucht, der Ruhe und der Heimat, der einerseits eine magische Anziehungskraft ausübt, andererseits durch mediale Darstellung auch wesentlich idealisiert und verklärt wurde. „Was ist eine Alm? Sie ist eine romantisch überhöhte Form der Freiheit. Das geht zurück bis in die Bronzezeit. Damals war die Alm weit entfernt von den Verpflichtungen. Sie waren weg vom Adel, weg von der Kirche, weg von den Unterdrückungsmechanismen. Die Menschen kommen heute immer noch mit sehr romantischen Vorstellungen daher“, erzählt Werner. „Du bist nach unserer Schule der Alm kein Almeler, aber du weißt, wie hart die Arbeit hier wirklich ist“, so Werner Kräutler. Die meisten würden aber noch glücklicher gehen. Warum? „Zwei Managerinnen haben mir erzählt, das war der schönste Urlaub ihres Lebens. Und die waren überall. Dann sagen sie: Es hat noch keinen Urlaub gegeben, wo sie nicht an den Job gedacht haben. Gedanklich waren sie nur mehr da.“ Am wichtigsten sei, dass die Tätigkeit jedoch sinnstiftend sei, erklärt Werner. Ohne diese Arbeit würde die Alm nicht lange überleben, das macht er ihnen immer klar. „Ihr arbeitet und zahlt auch noch dafür, ihr seid also ganz komische Leute“, so begrüßt Werner nicht selten die TeilnehmerInnen. Damit das funktioniert, ist allerdings das Echte, Authentische. „Die Leute wollen nichts vorgeflunkert haben, keine falsche Bauernromantik“, betont er. Das Vereins-Team der Schule der Alm setzt daher großen Wert auf die Echtheit des Erlebnisses, das vor allem durch die Alm-LehrerInnen und Menschen vermittelt wird. „Wir haben Leute, die in den Alpen und mit den Alpen leben. Der Hans kommt genauso daher, wie er im Alltag auch daherkommt, barfuß und in Lodenhosen. Nur so funktioniert das.“ Was die Menschen sonst noch von der „Schule der Alm“ mit nachhause nehmen? „Selbstgemachtes Kräutersalz“, lacht Werner. Neben einem erfüllenden und sinnstiftenden Urlaub seien auch Kleinigkeiten wichtig.

Mit der Sense zu mähen braucht Technik und Übung. "Manche Naturtalente, wie z.B. einen Berliner Polizisten, gibt es aber auch", schmunzelt Werner. © Schule der Alm/Werner Kräutler
Mit der Sense zu mähen braucht Technik und Übung. "Manche Naturtalente, wie z.B. einen Berliner Polizisten, gibt es aber auch", schmunzelt Werner. © Schule der Alm/Werner Kräutler

 

Alm-Schule und Tourismus

Werner Kräutler hat die Zielgruppe der „Schule der Alm“ genau im Blick: „Unsere Zielgruppe sind einerseits eher gut verdienende Gäste, die im Alltag viel Verantwortung und Stress erleben. Andererseits haben wir auch TeilnehmerInnen, die ins Almleben selbst reinschnuppern wollen, oder selbst einmal eine Alm übernehmen wollen und sich so weiterbilden.“ Mit 40 TeilnehmerInnen pro Almsaison ist die „Schule der Alm“ in Tiroler Tourismus-Maßstäben ein sehr kleines Projekt. Lässt sich so eine regionale Initiative auch auf andere Gebiete übertragen? „Ja und nein“, so Werner, „wichtig ist, dass man unterscheidet. Es muss auf jeden Fall regionsangepasst bleiben. Wenn das zu groß und unpersönlich wird, dann geht etwas verloren: Die Authentizität. Du kannst kein Gebiet und keine Geschichte vermitteln, die du nicht kennst. Regionale Akteure tragen diese Projekte maßgeblich mit.“ Und das Konzept funktioniert: Die Gäste kommen wieder, sie schätzen das familiäre, den persönlichen Bezug zur Region. Diese enge Verhältnis zur Region nutzt nicht nur dem Tourismus, sondern in Notfällen auch dem Tal selbst.

Der schneereiche Winter hat auf der Flittneralm viel Schaden angerichtet. Mithilfe der freiwilligen Helfer der "Schule der Alm" konnte die Alm jedoch im Sommer wieder eröffnen. © Schule der Alm/Werner Kräutler
Der schneereiche Winter hat auf der Flittneralm viel Schaden angerichtet. Mithilfe der freiwilligen HelferInnen der "Schule der Alm" konnte die Alm jedoch im Sommer wieder eröffnen. © Schule der Alm/Werner Kräutler

„Um nachhaltig die „Schule der Alm“ zu sein, haben wir ab 2021 auch Spezialkurse im Angebot. Viel wichtiger ist aber, dass wir einen Stamm an ausgebildeten Freiwilligen haben, die in Notfällen mithelfen können. Im Frühjahr 2019 haben wir zum Beispiel nach dem harten Winter die Flittneralm im Inneren Valsertal wieder mitaufgebaut. Da sind Schneewechten von 1200 Höhenmeter Richtung Alm runter. Da sind die Bäume noch 200 bis 300 Meter nach dem Lawinenstopp umgefallen. Die Alm hat aber riesige Grünerlen-Bestände, die ökologisch extrem wertvoll sind. Dann haben wir unseren Aufruf gestartet und es haben sich innerhalb von 10 Tagen über 40 Leute gemeldet, die uns geholfen haben. Das wäre sonst nicht möglich gewesen.“ Zusätzlich geht es auch um die Wertschätzung der regionalen Akteure. „Viele unserer Alm-LehrerInnen, die selbst Landwirte sind, haben hier seit langem wieder gehört, dass ihre harte Arbeit etwas wert ist und auch gewürdigt und gesehen wird“, betont Werner.

„Es ist eine Win-Win Situation. Wir können viele Bergmähder und Almflächen retten, andererseits haben wir Gäste und Teilnehmer, die immer wieder in die Region kommen. Das einzige Problem ist nur noch, die notwendige Infrastruktur zu schaffen, wie z.B. offene Hotels und Gasthäuser in der Nebensaison“, so der Vereinsobmann über die nächsten Schritte.

Wer mehr über die "Schule der Alm" erfahren will, findet alle wichtigen Infos zum Programm hier oder auf Facebook.

Über Werner Kräutler:

Werner durfte ich in meiner Zeit bei Innsbruck Tourismus als Blog-Urgestein in Tirol kennenlernen. Seine Geschichten und Wanderungen führen ihn nicht nur an versteckte Orte, sondern decken auch allerhand Verborgenes, Mystisches und Spannendes auf. Mehr davon könnt ihr auf seinem Blog "Tirol isch Toll" lesen.  Noch mehr Geschichten findet ihr auch dem offiziellen Innsbruck Blog des TVB. Wer noch mehr über Tirol und die Welt vor der eigenen Haustüre erfahren kann, dem hilft ein Blick in Werner's Buch bestimmt weiter: "50 Dinge, die ein Tiroler getan haben muss". Und wenn Werner gerade nicht in Tirol ist, dann bringt er jedes Mal spannende Geschichten von seinen Pilgerreisen mit, wie z.B. hier. 

Altes Wissen, neue Schüler. Die "Schule der Alm" vermittelt die Arbeit der Almlandwirtschaft an Gäste und Besucher. © Schule der Alm/Werner Kräutler
Altes Wissen, neue Gesichter. Die "Schule der Alm" vermittelt die Arbeit der Almlandwirtschaft an Gäste und Besucher. © Schule der Alm/Werner Kräutler

Monica Nadegger MA

Forschungsschwerpunkt
Digital Research Methods, Communicative Constitution of Organization, Smart Destinations, Social Media, Winter sports tourism
Position bzw. Aufgabe
Doktorandin

Nach dem Bachelorstudium „Journalismus und PR“ an der FH Joanneum in Graz und dem Master in „Sport-, Kultur- und Veranstaltungsmanagement“ an der FH Kufstein startete Monica Nadegger Ende 2018 am MCI Tourismus und zeitgleich das PhD Studium Management an der Universität Innsbruck. Nach knapp 4 Jahren im Online-Marketing beim TVB Innsbruck als Leiterin des Blog-Redaktionsteams und Social Media Manager und als Mitglied des Doktoratskollegs „Organizing the Digital“ vereint sie am TTR ihr Interesse für Wissenschaft, Tourismus und digitale Kommunikation.

„Als Wissenschaftsplattform für den Tiroler Tourismus schafft ttr.tirol nicht nur eine Schnittstelle für Wissenschaft und Praxis, sondern versucht, Daten und Inhalte aufzubereiten und verständlich und ansprechend darzustellen."

Im TTR Team seit: Anfang 2019

Zuständig für: Content Strategie und Produktion, Website, Social Media