Direkt zum Inhalt

Der Tiroler Weg

Perspektiven für eine verantwortungsvolle Tourismusentwicklung
Tiroler Weg Strategie
Diese Woche präsentieren der Landeshauptmann zusammen mit dem MCI Tourismus und der Tirol Werbung die überarbeitete Tourismusstrategie des Landes Tirol.

TTR: Der Tiroler Weg ist nun bereits die 3. Fassung eines langfristigen Strategieprozesses, der bereits in den 1970er Jahren seinen Ursprung nahm. Was ist neu am "Tiroler Weg 2020+"?

Theresa Leitner-Mitterer & Hubert Siller: Bereits im Fremdenverkehrskonzept von 1982 ist verankert, dass die Tiroler Tourismuspolitik so zu gestalten ist, "... dass sie mit ihren Maßnahmen einen optimalen Beitrag zur Erhaltung und Hebung der allgemeinen Lebensqualität im Lande leistet". Der Ruf nach mehr Qualität anstelle von Quantität wurde daher bereits nach der Wachstumseuphorie der Nachkriegszeit im ersten Tourismuskonzept Tirols 1972 laut. So arbeitete man lange Jahre daran, Tirol als Ganzjahresdestination zu etablieren und den hohen Qualitätsansprüchen der Gäste gerecht zu werden und gleichzeitig die Beziehungsqualität zwischen Gästen und GastgeberInnen zu stärken. Ganz im Sinne der Nachhaltigkeits-Definition entstehen hier jedoch Spannungsfelder zwischen Qualitätsanspruch und erforderlicher Quantität zur Absicherung des Wohlstandes bei einer begrenzten Tragfähigkeit von Mensch und Natur. Zudem ist Tirol Lebens-, Wirtschafts- und Erholungsraum zugleich.

Neu am Tiroler weg ist einerseits die verstärkte Partizipation bei der Entwicklung, eine stärkere Einbindung der Einheimischen, der zentrale Fokus auf Nachhaltigkeit sowie dessen Messung. Um in die Strategieentwicklung möglichst viele AkteurInnen einzubinden und einen partizipativen Prozess zu entwickeln, wurden über 100 VerantwortungsträgerInnen im aber auch außerhalb des Tourismus in Gesprächen aber auch im Zuge von zwei Befragungen unter Kernleistungsträgern und Tourismusverbänden in die Erstellung des Tiroler Weges eingebunden. Aus diesem Austausch und aufbauend auf dem bestehenden Tiroler Weg wurde das Selbstverständnis des Tiroler Tourismus neu formuliert: Tirol ist die beste Verbindung aus Natur, Bewegung und Bergerlebnis weltweit. Es steht für eine Balance aus wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und ökologischer Nachhaltigkeit und es ist damit der Inbegriff alpinen Lebensgefühls. Ein Gefühl, das für die Liebe zu Natur und Bergen,  Beständigkeit, Offenheit, Geradlinigkeit und Lebensfreude steht.

Tiroler Weg Selbstverständnis

 

TTR: Welche Maßnahmen sollen mit dem Tiroler Weg umgesetzt werden?

Theresa Leitner-Mitterer & Hubert Siller: Die Maßnahmen für die touristische Weiterentwicklung des Landes gliedern sich in folgende vier Bereiche:

Tiroler Weg Leitlinien

1. Lebens- & Erholungsraum

Der Tourismus findet nicht - wie in anderen Regionen - in einem Resort, sondern im Lebensraum der Bevölkerung statt. Daher ist eine verantwortungsvolle Raumnutzung wesentlich und auch die Gestaltungsqualität wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Hier können bestehende Instrumente wie der Gestaltungsbeirat einen wichtigen Beitrag leisten. Zudem sollte mehr Bewusstseinbildung für Architekur & Raumnutzung erzeugt werden. Hierzu wird auch das Programm "Bergwelt Tirol - miteinander erleben" weiterentwickelt. Dazu zählt auch ebenso die Besucherlenkung mit Hilfe von digitalen Tools, eine klare Begrenzung des Bettenwachstums und Förderung der Auslastungssteigerung und Preisdurchsetzung, die Ortskernrevitalisierung und Nachverdichtung anstelle von Neuerrichtung, sowie (über-)regionale Dialogforen, welche möglichst viele StakeholderInnen wie die Landwirtschaft, Schulen, Vereine, etc. inkludieren.

2. Nachhaltigkeit & Regionalität

Der große Bereich der Nachhaltigkeit zielt auf regionale Wertschöpfung im Sinne der Kreislaufwirtschaft ab, bei der das Zusammenspiel von Tourismus und Landwirtschaft noch besser funktioniert. Zudem sind die DMOs in Zukunft stärker gefordert. Jede Destination soll ab 2022 eine mehrdimensionale Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln und das neue Österreichische Umweltzeichen für Destinationen beantragen. Bis 2035 sollen alle Skigebiete klimaneutral sein und hierfür auch über regionale Klimaschutzprojekte ausgleichen sowie 100% der Vor-Ort-Mobilität auf regenerative Antriebsformen umgestellt sein. Um regionale Wirtschaftskreisläufe weiter zu stärken, muss die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Tourismus optimiert werden. Maßnahmen hierfür wäre die Lebensmittelkennzeichnung, die verstärkte Verankerung der Kulinarik als touristisches Produkt sowie die Vernetzung von Tourismusverbänden, Planungsverbänden und Regionalmanagement.

3. Familienunternehmen & Gastgeberqualität

Familiengeführte Unternehmen bilden das Rückgrat des Tiroler Tourismus. In den nächsten 15 Jahren steht hier jedoch die Übergabe von rund 2.600 Unternehmen an. Die Betriebe müssen zudem aktuell mit der Krisensituation umgehen und Digitalisierungskompetenzen aufbauen - und dabei müssen sie von der Wirtschaftskammer aber auch durch praxisnahe Forschung unterstützt werden. Das Thema Nachhaltigkeit muss auch auf betrieblicher Ebene umgesetzt werden, für welches das Beratungsnetzwerk der WK Tirol ihre Förderung bis 2025 fortgesetzt hat. Bereits vor der COVID-19 Krise war der Arbeitskräftemangel im Tourismus ein Thema. Inzwischen ist das Problem noch prekärer geworden. Daher müssen Arbeitgebermarken gestärkt und die Ausbildungsqualität weiter verbessert werden. Wenigstens haben wir in der Krise auch gelernt, mit digitalen Tools umzugehen und damit werden auch e-Learning Formate für alle Altersgruppen einfacher. Dies reicht von der Lehrlings- bis zur Weiterbildung bzw. den zweiten Bildungsweg. Ein weiterer Schritt ist die notwendige Adaptierung des Privatzimmervermietungsgesetztes, welche vom Gast erwartete - analoge und digitale - Services möglich macht.

4. Kompetenz- & Innovationsführerschaft

Die Qualitätsführerschaft des Tiroler Tourismus ist ein Ganzjahresprodukt. Anstelle von Neuerschließungen wurde in den vergangenen Jahren die bestehende Beförderungsinfrastruktur laufend durch qualitativ hochwertigere Anlagen ersetzt. Neben dem Skifahren als zentrales Winterprodukt müssen auch alternative Angebote weiter entwickelt werden. Im Sommer setzt man weiterhin auf Wandern, aber auch verstärkt auf Radfahren in seinen vielfältigen Facetten. Ruhe am Berg steht dabei allerdings im Mittelpunkt und auch barrierefreie Angebote werden weiter ausgebaut. Die Destinationen selbst sollen neben der klassischen Servicierung der Gäste verstärkt auch das regionale Freizeitangebot gestalten. Weiterhin will man sich auf die Nahmärkte als Kernmärkte fokussieren und auch den einheimischen Gast verstärkt ansprechen. Fernmärkte werden als Risikoabsicherung bzw. für die Entzerrung der Saisonen in Zusammenarbeit mit der Österreich Werbung bespielt. Zudem stellen die praxisnahe Destinationsforschung sowie die Vermieterakademie Tirol wichtige Bestandteile zum Ausbau der Kompetenz- und Innovationsführerschaft dar. Dies inkludiert auch die Entwicklung eines Dashboard Tirol zur ganzheitlichen Erfassung von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Vorgängen sowie der Zufriedenheit im Tourismus. Die Digitalisierungsoffensive soll Tirol zu einer Smart Destination machen, bei der alle Angebote auf der Tirol Experience Platform online buchbar sind. Hierfür braucht es einen Open Data Hub Tirol als offene digitalen Daten-Infrastruktur. Innovationen sollen mit Hilfe des Tourism Tech Innovations Labs vorangetrieben und das Meldewesen komplett digitalisiert werden.

TTR: Worin seht ihr persönlich die größten Herausforderungen, den Tiroler Weg auch wirklich in die Tat umzusetzen?

Theresa Leitner-Mitterer & Hubert Siller: Nachdem es sich um ein Tirolweites Leitbild für den Tourismus handelt, das viele AkteurInnen betrifft, ist es entscheidend, die Umsetzung voranzutreiben und sichtbar zu machen. Ganz im Sinne von "You can't manage what you can't measure" haben wir daher die Grundlage für eine mehrdimensionale Erfolgsmessung entwickelt. Dieses Dashboard Tirol basiert auf den Destinationskriterien des Global Sustainable Tourism Council (GSTC-DC) und beinhaltet Kennzahlen für die Bereiche Wirtschaft, Gesellschaft, Ökologie sowie Zufriedenheit. Somit sollen neben den bekannten Größen der Nächtigungen und Ankünfte, die Aufenthaltsdauer, Bettenauslastung sowie der Umsatz pro Bett (wirtschaftliche Kennzahlen) weitere KPIs erfasst werden. Dazu zählen beispielsweise die Tourismusintensität, das Tourismusbewusstsein der Einheimischen, der Anteil der Ganzjahresarbeitsplätze im Tourismus (gesellschaftliche Kennzahlen), der touristische Fußabdruck, der Anteil der Öffis an der Vor-Ort Mobilität und der regenerativen Energie am Gesamtenergieverbrauch (ökologische Kennzahlen), die Zufriedenheit der Gäste, ihre Weiterempfehlungsrate sowie die Zufriedenheit der MitarbeiterInnen. Diese Kennzahlen sollen uns dabei unterstützen, die nachhaltige Entwicklung - gemeinsam mit allen TourismusakteurInnen und StakeholderInnen - aktiv steuern und fördern zu können, die Lebensqualität der TirolerInnen zu steigern und in weiterer Folge einen Beitrag zu den globalen Sustainable Development Goals (SDGs) zu erzielen. Der Tiroler Weg ist damit als langfristiger Prozess zu sehen, welcher in Anlehnung an die Definition einer nachhaltigen Tourismusentwicklung nie zur Gänze erreicht werden kann.

Tiroler Weg Zitat

 

FH-Prof. Mag. Hubert Siller

Forschungsschwerpunkt
Leadership/Führung, Tourismus- und Destinationsentwicklung, Internationale Wintersportmärkte
Position bzw. Aufgabe
Leiter MCI Tourismus

Hubert J. Siller, ist Fachhochschul-Professor und langjähriger Leiter des Department für Tourismus- & Freizeitwirtschaft (MCI Tourismus) am MCI Management Center Innsbruck. Seine aktuellen Forschungs- und Beratungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Leadership/Führung, Tourismus- und Destinationsentwicklung sowie internationale Wintersportmärkte. Hubert Siller begleitet Persönlichkeiten, Unternehmen und Institutionen aus der Tourismus- & Freizeitwirtschaft in strategischen Fragenstellungen.

"Life is a mountain, not a beach."

Im TTR Team seit: November 2006

Zuständig für: Strategie & Konzeption

Theresa Mitterer-Leitner MA

Forschungsschwerpunkt
Tourismus & Landwirtschaft, Place attachement in Tourism
Position bzw. Aufgabe
Hochschullektorin

Fabian Erhart BA MA

Forschungsschwerpunkt
Destinationsmanagement & -entwicklung, Digitalisierung im Tourismus
Position bzw. Aufgabe
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektmanagement