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Carsharing als Chance für den alpinen Tourismus

Wie könnten Carsharing Angebote in Tiroler Destinationen aussehen?
Carsharing
In ihrer Master-Arbeit beschäftigte sich Sabrina Vorlen mit der Frage, wie man Carsharing vom urbanen Raum in ländliche Tourismusdestinationen transferieren könnte. Als Auftragsarbeit der Tirol Werbung wurden anhand einer Cross-double Delphi Mobilitäts- und Tourismusexperten dazu befragt, wie solche Lösungen aussehen könnten.

TTR: Wieso ist das Thema Carsharing für den Tiroler Tourismus relevant?

Sabrina Vorlen: Das Mobilitätsverhalten unserer Gesellschaft befindet sich im Wandel. Die Gründe für diese Entwicklung sind ebenso vielseitig wie deren Ausprägungen. In den Städten gewinnt der Fahrradverkehr immer mehr an Bedeutung, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel wird immer populärer, aber auch Carsharing gehört mittlerweile zu einem gesellschaftlich fest verankerten Mobilitätstrend, der in den letzten Jahren besonders in urbanen Gebieten eine eindrucksvolle Wachstumsrate verzeichnet. Anstatt Gegenstände zu besitzen, verschaffen sich Personen immer öfter nur Zugang zu einer Dienstleistung, die ihnen das Benötigte bei Bedarf zur Verfügung stellt.

Diese gesellschaftlichen Entwicklungen sorgen letztlich nicht nur für ein Umdenken auf verkehrspolitischer Ebene, sondern sind ebenso Anstoß für den Tourismus auf die Ausprägungen kontemporärer Mobilitätsmuster zu reagieren. Um den externen Marktentwicklungen und dem stetig steigenden Wettbewerb entgegenzutreten, gilt es touristische Leistungen und Produkte kontinuierlich weiterzuentwickeln und auf die Nachfrage der Gäste zu reagieren.

In diesem Sinne birgt Carsharing auch für den Tiroler Tourismus erhebliches Potenzial. Der Trend „Nutzen statt Besitzen“ soll aus seinem urban-verwurzelten Kontext gelöst und in alpine Settings überführt werden. Gleichzeitig kann Carsharing aber auch Gäste dazu animieren, das Privatauto, das nach wie vor zu den beliebtesten Anreisemitteln der Tiroler Gäste zählt, während des Urlaubs stehen zu lassen und stattdessen auf alternative Fortbewegungsmittel umzusteigen. Damit wird auch ein ökologischer Beitrag geleistet, der die besondere Topographie alpiner Destinationen langfristig vor infrastrukturellen Überbauungen und Verkehrsinfarkten schützt.

Carsharing Varianten

 

Inspiration für die praktische Umsetzung von Carsharing-Initiativen bieten beispielsweise innovative Anwendungstechnologien aus der Automobilindustrie. So veröffentliche der Automobilhersteller Volvo die Keyless-Technologie, bei der das Privatauto flexibel per App, dem sogenannten digitalen Schlüssen, ver- und entriegelt werden kann. Beim Verleihen des eigenen Fahrzeugs an Freunde und Familienmitglieder ist eine persönliche Übergabe nicht mehr nötig. So könnte auch das Anmieten von Fahrzeugen für TouristInnen einfacher werden. Aber auch die vormals unter RelayRides bekannte private Carsharing-Plattform „Turo“ ist ein Vorzeigemodell für die Implementierung eines Carsharing-Modells zwischen Einheimischen und Touristen.

Auch in Tiroler Urlaubsdestinationen ist Carsharing keine Seltenheit mehr. So entschloss sich beispielsweise der TVB Pillerseetal in Kooperation mit der Gemeinde Fieberbrunn und dem Zentrum für Regionalentwicklung, Regio-Tech, für ein E-Carsharing-Angebot, dass die Vor-Ort-Mobilität von Touristen und Einheimischen gleichermaßen bereichert. Ebenso abseits touristischer Zielgruppen entwickeln sich in Tirol auf kommunaler Ebene immer häufiger innovative Carsharing-Modelle wie FloMobil, BeeCar, Flugs, die eine günstige, flexible und nachhaltige Mobilitätslösung zum privaten Pkw-Besitz für die lokale Bevölkerung darstellen. Ebenso erweiterten die Österreichischen Bundesbahnen kürzlich ihre Carsharing-Flotte beziehungsweise lancierten ein überarbeitetes Konzept der Autovermietung unter dem Namen „Rail&Drive“. Bundesweit gilt das Land Niederösterreich als Vorreiter für E-Carsharing-Projekte. Mittlerweile beteiligen sich rund 80 Gemeinden mit insgesamt über 100 Fahrzeugen an dem Sharing-Konzept. Um die Disposition der Carsharing-Fahrzeuge im Falle einer flexiblen Carsharing-Initiative besser zu steuern, werden autonome Fahrzeuge als flexibles Modell der Zukunft gehandelt. In diesem Fall fahren die Autos autonom an die Standorte zurück, an denen sie ursprünglich ausgeliehen wurden beziehungsweise von Nutzern gebraucht werden. Eine weitere Neuinterpretation von Carsharing findet sich auch in dem vom Land Tirol geförderten Projekt der „Mitfahrbank“. Menschen ohne Auto werden bei dieser Idee von Autofahrern mitgenommen, wodurch sich ein Raum der Interaktion und Zwischenmenschlichkeit ergibt. Bis dato wurde diese Initiative nicht aktiv im touristischen Kontext genutzt. Dennoch könnte sich daraus in Zukunft ein Angebot eines neuinterpretierten Carsharing-Modells ergeben, bei dem TouristInnen von Gleichgesinnten mit Pkw oder Einheimischen per Anhalter mitgenommen werden.

TTR: Welche sind die Kernergebnisse ihrer Masterarbeit?

Sabrina Vorlen: Für die Integration von Carsharing in alpine Tourismusdestinationen erweisen sich stationsbasierte und lokale Carsharing-Modelle als besonders geeignet. Um die - für ein Carsharing-Angebot - kritischen Faktoren der Nachfrage- und Siedlungsdichte zu begünstigen und das Potenzial von Carsharing im Alpenraum auszuschöpfen, müssen die Carsharing-Fahrzeuge in jedem Fall in strategisch gut gewählten Schlüsseldestinationen, sogenannten Tourismuszentren, positioniert sein. Außerdem bedarf es ein Angebot, das von der lokalen Bevölkerung und Urlaubsgästen gleichermaßen genutzt werden kann. Ausschlaggebend für die Standortwahl ist eine gute Anbindung der Orte an den öffentlichen Personennahverkehr, denn Carsharing versteht sich auch in alpinen Destinationen nicht als Ersatzprodukt für andere Fortbewegungsmittel, sondern als ergänzende Mobilitätsdienstleistung. In Kombination ergibt sich ein lückenloses Verkehrsnetzwerk, dass besonders die Vor-Ort-Mobilität bei autofreier Anreise bereichert.

 

TTR: Was braucht es für die Umsetzung von Carsharing-Angeboten in Tiroler Destinationen?

Sabrina Vorlen: Vor allem die kleinbetrieblichen Strukturen alpiner Tourismusdestinationen bedürfen intensiv integrierter Kooperationen, durch welche gemeinsam eine Weiterentwicklung touristischer Leistungen und Produkte erreicht werden kann. Besonders unterstützend bei der Entwicklung von Carsharing-Projekten wirken Kooperationen mit Stadtwerken, Gesellschaften für Regionalenergie und öffentliche Verkehrsmittelunternehmen. Sie verfügen über die Ressourcen-technischen Möglichkeiten, um Carsharing operativ zum Laufe zu bringen. Zudem braucht es Partnerschaften mit Tourismusverbänden und Gemeinden, die in Sachen Kommunikation und Finanzierung unterstützend wirken.

Sabrina Vorlen

Sabrina Vorlen absolvierte nach ihrem Bachelorstudium „Sport-, Kultur- und Veranstaltungsmanagement“ an der Fachhochschule Kufstein das Masterstudium „Entrepreneurship & Tourismus“ am MCI Tourismus. In Zusammenarbeit mit der Tirol Werbung verfasste sie ihre Abschlussarbeit zum Thema „Carsharing in alpinen Tourismusdestinationen“. Als Quereinsteigerin sammelte sie erste Berufserfahrungen im medizinischen Verwaltungsbereich. Ihr Interesse für die Tourismus- und Freizeitbranche animierte sie schließlich zu einer persönlichen und beruflichen Veränderung. Nach zwei Auslandssemestern in Südkorea und der Schweiz freut sie sich nun auf neue spannende Herausforderungen.